Kapitel 3

Heather Nova: Let’s Sail Away

Das exzentrische Leben einer Außenseiterin auf der Suche nach ihrem Hippie-Traum
von Manhard Schlifni

Siren bis Wonderlust

Nach der für Heather Nova „kräfteraubenden“ Oyster-Tour erfolgt der Rückzug nach London und dann zum Heimatort Bermuda, den sie als schönsten Platz der Welt bezeichnet, um Erholung vom Tour-Stress zu finden und neue Songs für das Nachfolgealbum „Siren“ zu schreiben, dessen Veröffentlichung sich mehrmals verzögert. Im Jahre 1997 heiratet Heather ihren langjährigen Freund und Produzenten Felix Tod. Dann erscheint die erste EP als Neuauflage unter dem Titel „First Recording“ (02.1997, Big Cat).

Siren
Das Album „Siren“ ist eine Art Referenz an das Meer, das ein wichtiger Bestandteil ihrer Kindheit war. Das Werk will im Kern die archetypische Geschichte intensiven Gesanges ausdrücken, zugleich aber auch die spirituelle Verbundenheit mit Frauen aller Kulturen und Zeiten manifestieren. Siren entsteht in einem Strandhaus auf Bermuda, dessen Vorderseite sich buchstäblich im Wasser befindet, wodurch die ummittelbare Nähe zum Ozean wahrgenommen werden kann. Die wichtigen Songs schreibt Heather – von der Natur inspiriert – in völliger Isolation, nur mit Gitarre, Diktaphon und Noten ausgestattet, weg vom Einfluss der Informations- und Kommunikationstechnologien der technischen Zivilisation, als die Wellen zu Sturmzeiten im Winter die Wände hochgehen.

Siren enthält in Vergleich zu Oyster deutlich weniger depressive Stimmungen, obwohl es darin z.T. auch um gescheiterte Liebesangelegenheiten geht. Nichtsdestoweniger kann es als ein positives Album mit dem Fokus auf Liebe und soziale Beziehungen interpretiert werden, das persönliche Stimmungen durch gefühlvolle Lyrik, „grüne“, erdverbundene Metaphern, atmosphärische Arrangements und rockige Gitarrenriffs transportiert. Es lässt eine Weiterentwicklung sowohl des poetischen Stils als auch ihrer „glockenhellen“, über 3 Oktaven reichenden, experimentierfreudigen Stimme erkennen.

Das Stück „Valley of Sounds“ schreibt Heather kurz nach einem Jeff Buckley Konzert, das zu Beginn seiner Karriere stattfand, als er ganz alleine Gitarre spielte. Von intensiven Emotionen inspiriert und zu Tränen gerührt, erfährt sie die machtvolle Wirkung der Musik.

„I’m the Girl“ manifestiert ihre Verbundenheit mit den Frauen aller Generationen. Aus der Perspektive der Sängerin scheint es möglich zu sein, jahrtausendalte Informationen wie Archetypen, Emotionen Verhaltensweisen usw., die ihre Vorfahren betreffen, aus dem „Kollektiv-Gedächtnis“ abzurufen.

„I’m the Girl“ beleuchtet aber auch die Problematik des Rollenspiels der Frau in verschiedenen Bereichen. Der Song wird kurz nach dem Tod ihrer Großmutter geschrieben, die ihr Leben primär Familie und Kindern widmete, während Heather dagegen das individualistische Ziel der Karriere verfolgt. Das Stück reflektiert die Erinnerung an diese von Emotionen geprägte Großmutter-Beziehung.

Das Lied „Paper Cup“ handelt von der Problematik einer unerwiderten Liebe und gleichzeitig vom Festhalten an einer Beziehung, die nicht ewig fortbestehen kann.

Die musikalische Reise von „Winterblue“ führt in das „grenzenlose“ Land ihrer Liebes-Phantasien, in dem sich die Sängerin verlieren kann. Von den Klängen der Musik und den Liebesabenteuer-Metaphern wird der/die HöherIn in neue Sphären des Bewusstseins getragen. Die Reise führt durch (karibische) Meeresstürme zu Winterzeiten, von den Stränden zu den Ufern und Horizonten ferner Ozeane. „Winterblue“ avanciert zu ihrem Lieblingsstück, das sie nach eigenen Angaben „ewig spielen“ könnte. Während der Siren-Tournee beschließt Heather zeitweise Winterblue mit einer Kurzversion des Stücks Blue (1971), das von der anachronistischen Hippie-Veteranin Joni Mitchell in der Zeit des Untergangs der Flower-Power-Bewegung geschrieben wurde, und primär von ihrer tiefgehenden, extrem persönlichen Liebesaffäre handelt.

Am 11.05.1998 wird die Single „London Rain“ (Rough Trade, V2, Sony Work) und anschließend das Album „Siren“ (02.06.1998, Rough Trade, V2, Sony Work) herausgegeben, von dem über 700 000 Exemplare verkauft werden. Am 28.09.1998 erscheint die zweite Single „Heart & Shoulder“ (Rough Trade, V2, Sony Work) und am 31.05.1999 die dritte Single „I’m the girl“ (V2).

Der Herausgabe von „Siren“ folgt eine Welttournee, die sich primär auf Europa erstreckt, aber auch vereinzelte Konzerte in den USA einbezieht. Dies betrifft insbesondere ihre Mitwirkung an der feministischen, nur auf weibliche Teilnehmer eingeschränkten Lillith Fair Tour, wo sie das Set regelmäßig im Duett mit Sarah McLachlan durch den Springsteen-Cover-Song „I’m On Fire“ beschließt.

Die nachstehende Band begleitet Heather während der Siren Tournee: Berit Fridahl (guitar), Nadia Lanman (cello, keyboards), Laurie Jenkins (drums, backing vocals) und Bastian Juel (bass, backing vocals).

Die Siren-Welttournee wird im Frühjahr 1999 in England an jenen Orten beendet, wo ihr musikalischer Werdegang vor etwa 10 Jahren begann.

Wonderlust
Wonderlust (26.06.1999, V2, Rough Trade), ein Live-Mitschnitt eines Konzerts im Kölner E-Werk, enthält ausschließlich Nummern bereits veröffentlichter Alben und ist ein Versuch, die unter Live-Bedingungen auftretenden Stimmungen aufzunehmen. Heather Nova zufolge entstehen bei Auftritten metaphysische Erfahrungen, die im Studio kaum rekonstruiert und nachempfunden werden können. Insbesondere betrifft dies aus Spontanität geborenen Momente der Ekstase sowie Flow-Zustände, wo die unmittelbare emotionale Reaktion des Publikums sich auf Heather und die Band übertragen. Wonderlust will die „magischen“ Live-Momente wie beispielsweise den Augenblick des Fühlens intensiver Liebe, der Freude, der Vision des Werkes einfangen.
Böckem hat im Rahmen seines Artikels „Das letzte Hippie-Mädchen“ (Böckem, 2000), der im Zeichen der Wonderlust-Promotion stand, die These vertreten, dass Heather Nova in „Hippie-Tradition“ stehe, da sie u.a. davon überzeugt ist, dass nur auf der Bühne ein „intensiver Energieaustausch“ mit dem Publikum möglich sei, was sie als „machtvolle spirituelle Erfahrung“ bezeichnet. Für Heather ist das Singen unter Live-Bedingungen eine Art der Freisetzung von Energie (in Form von Vibrationen). Der Zuhörer könne bei Konzerten auch in Verzückung geraten. Dieser rauschhafte Zustand, in dem der Mensch der Kontrolle des normalen Bewusstseins entzogen ist, sei erreichbar, indem man sich dafür öffnet und mit dem Flow geht (Von der Reith, 2000). Für Heather wirkt ihre musikalische Flow-Erfahrung stärker als „Glücksdrogen“. Diese Ausführungen können einen gewissen „esoterischen Touch“ nicht ganz verbergen.
Der Wonderlust-Promotion folgen im Jahr 2000 weitere Festival-Auftritte, die sich hauptsächlich auf Europa beschränken und die Heather Nova mit folgender Besetzung bestreitet: Berit Fridahl (guitar), Rosie Wetters (cello, keyboards) oder Helen Thomas (cello, keyboards), Laurie Jenkins (drums, backing vocals), Bastian Juel (bass, backing vocals) oder Paul Sandrone (bass, backing vocals).

Gloomy Sunday
Nach mehreren Konzerten im Rahmen großer Sommer-Festivals steuert Heather Nova im Oktober 1999 (11.10.1999, Rough Trade) ihre schwermütig-schwebende Interpretation des oftmals als Selbstmörderhymne bezeichneten Stücks „Gloomy Sunday“, das vom Ungarn Rezsö Seress 1933 geschrieben wurde, zum deutschen Film „Ein Lied von Liebe und Tod“ bei.

Millennium
Am Silvesterabend des Jahres 1999 spielt Heather zur Millenniumsfeier „Royal Naval Dockyard’s Time Warp 2000 party“ zum ersten mal Live in ihrer Heimat auf den Bermudas und beginnt den Jahrhundertwechsel mit Bob Marley’s „One Love“

Kapitel 4: South und The Sorrowjoy

© 2002 by Manhard Schlifni

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